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Auf römischen Mauern

2000 Jahre Baugeschichte

Der Alte Dom St. Johannis – Älteste Kirche von Mainz

Was mit der Installation einer Heizung begann, wurde zur archäologischen Überraschung! Die evangelische Kirche St. Johannis ist die älteste Kirche der Landeshauptstadt und der Alte Dom von Mainz. Mit den Kathedralen von Köln und Trier zählt sie zu den ältesten Bischofskirchen nördlich der Alpen. 

Hier entwickelte sich das Mainzer Bistum zur wichtigen Stütze der politischen Macht im Mittelalter. Hier wirkten berühmte Bischöfe. Hier wurden Könige gekrönt. 

Entdecken Sie fast 2000 Jahre Geschichte und erleben Sie einen der wenigen Orte in Mainz, an dem die Verbindung von Römerzeit und Mittelalter greifbar wird. 

Was ist denn hier passiert? – Vom Bauprojekt zur Zeitreise

2013 stieß man beim Renovieren auf alte Mauern und unterschiedliche Bodenschichten. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) entschied sich dafür, der Geschichte auf den Grund zu gehen. Die Kirche wurde statisch gesichert. Das ermöglichte eine baubegleitende Forschung, die 2025 abgeschlossen wurde.

Ein Team von Archäolog*innen hat über zehn Jahre Schicht für Schicht per Hand mehrere Meter tief abgegraben, 5.000m³ Erde untersucht und eine halbe Million Funde geborgen. Der Verputz der Mauern wurde abgenommen, alte Einbauten entfernt und die Seitenschiffe wieder geöffnet. 

An vielen Stellen in der Kirche sieht man noch eine schwarze Linie. Auf dieser Höhe befand sich das Fußbodenniveau bis 2013. Heute erleben Sie die Dimensionen des Raumes so wie die Gläubigen im Jahr 1000.

Römische Zeit - Was macht ein Ofen in der Kirche?

Als Mainz in römischer Zeit von herausragender Bedeutung war, entstanden hier große Bauten unbekannter Funktion. Auf diesen römischen Grundmauern steht der Alte Dom. 

An der Außenseite des römischen Gebäudes befand sich im 4. Jahrhundert ein Anbau mit einem Ofen. Seine Reste kann man im Mittelschiff sehen. Der Anbau wurde wahrscheinlich im 5. Jahrhundert abgebrochen. Im Brandschutt fand man verkohlte Erbsen, Dachziegel, aber auch große Werksteine, wie z.B. einen römischen Säulenfuß.

Vor dem Eingang West fand man zudem Reste eines weiteren römischen Gebäudes und einer Säule aus dem 2. Jahrhundert. 

Die erste Bischofskirche in Mainz und Vorläufer des Mainzer Doms

Vor 1500 Jahren wurde das römische Gebäude umgebaut und eine Kirche eingerichtet: Durch Zusammenlegung von Räumen und den Einbau von Pfeilern entstand im 5. oder 6. Jahrhundert ein dreischiffiger Bau in West-Ost-Richtung von 20 Metern Breite und mindestens 27 Metern Länge. 

Bei der Kirche stand vermutlich ein Taufhaus, ein sogenanntes Baptisterium. Seine Reste sieht man noch am Eingang Westchor West. Im 7./8. Jahrhundert wurde die Taufanlage dann in die Kirche selbst verlegt.

Bis 1036 war der Alte Dom über 500 Jahre lang die erste Mainzer Bischofskirche und der Sitz wichtiger Mainzer Bischöfe wie Bonifatius, Rabanus Maurus und Willigis. 

Kathedrale des Mittelalters - Kirche der Könige

Im 11. Jahrhundert wurde die Kirche neu gebaut. Der Grundriss heute stammt aus dieser Zeit. An den rechteckigen Ostchor schloss sich ein dreischiffiges Langhaus, ein Binnenquerhaus und ein Westchor an. Das Kircheninnere war mit 50 Meter Länge und 29 Meter Breite von imposanter Größe. Unter dem Westchor entstand die älteste Krypta in Mainz. Auch die freigelegten Mauern und Fenster im Ostchor sind 1000 Jahre alt. 

Zu dieser Zeit wurde der Alte Dom als Krönungskirche zur Bühne für die große Politik. Für kurze Zeit durften Mainzer Erzbischöfe im Mittelalter die deutschen Könige krönen: 1002 krönte Erzbischof Willigis hier Heinrich II.,  1024 krönte Erzbischof Aribo hier Konrad II.

Im Schatten des neuen Doms

Mit der Weihe des neuen Doms 1036 wurde der Alte Dom für über 700 Jahre zur Stiftskirche und zu einer Nebenkirche des neuen Doms. Er wurde nun St. Johannis geweiht. Alter und neuer Dom wurden durch einen überdachten „Paradiesgang“ verbunden. 

Im ausgehenden 12. Jahrhundert änderte sich mit der neuen Nutzung die innere Gestaltung. Vor dem Ostchor errichtete man ein metallenes Gitter, vor dem Westchor eine monumentale, über vier Meter hohe Schranke, die mit Stuckfiguren geschmückt war. Ein neuer, bunter Fliesenboden wurde in der gesamten Kirche eingezogen. Diese Kacheln kann man heute wieder sehen.

Große Pläne und eine neuer Westchor

Um 1380 sollte ein gotischer Neubau entstehen. Davon wurde aber nur der Westchor fertiggestellt, danach ist das Projekt wegen Geldsorgen eingestellt worden. Die bereits fertiggestellten Werksteine blieben vor Ort liegen und verschwanden unter neuen Bodenschichten – bis die Archäologen*innen sie nun wieder ausgegraben haben. 
 

Kirche in der Kirche

Eine 640 Jahre alte, mehreckige Mauer trennt den Westchor vom Mittelschiff.  
Die Mauer gehörte zu einem Einbau aus Sandstein, der die Kirche teilte. Er hatte große Fenster und viele Verzierungen. Dahinter wurde 400 Jahre lang Gottesdienst gefeiert. Der heutige Altar steht genau über den Fundamenten dieses mittelalterlichen Altars.

Von Barocker Pracht zum Strohlager

Um 1750 wurde die Kirche im neuen Stil der Zeit umgebaut: dem Barock. Dabei erhöhte man den Boden und verlegte den Haupteingang an die Schöfferstrasse. Der Hauptaltar kam nun in den Westchor. Der Turm erhielt ein Zwiebeldach.

Wenige Jahre später, 1797, wurde Mainz eine französische Stadt. Im Alten Dom wurden keine Gottesdienste mehr gefeiert. Stattdessen benutzte das Militär die Kirche als Stroh- und Waffenlager.

19. Jahrhundert: Der Alte Dom wird evangelisch

1828 erwarb die junge evangelische Gemeinde in Mainz die ehemalige Kirche. Die Gemeinde baute sie um: es entstand ein einschiffiger Gottesdienstraum mit Orgel, Kanzel und Emporen. Die Nebengebäude wurden an Ladengeschäfte vermietet.

20. Jahrhundert: Farbenpracht des Jugendstil

Anfang des 20. Jahrhundert wurde der Alte Dom aufwändig renoviert. Der berühmte Architekt Friedrich Pützer aus Darmstadt gestaltete 1906/07 den Innenraum aufwändig im Jugendstil gemäß dem sogenannten Wiesbadener Programm. Danach stand die Verkündigung des Evangeliums im Mittelpunkt des Gottesdienstes. Alle Linien lenkten den Blick nach vorn zu Altar und Kanzel. 

Aufwändige Malereien der Firma Linnemann schmückten die Wände, goldene Intarsien die Holzvertäfelung. Der Bildhauer Augusto Varnesi gestaltete die Steinstatue Johannes des Täufers, die prominent über dem Haupteingang thronte. Sie allein blieb aus dieser Epoche erhalten und steht nun über dem alten Eingang im Ostchor Süd. 

Heute ist dieses Juwel des Jugendstils nur noch in alten Fotografien und einer eindrucksvollen 3D-Rekonstruktion erhalten.

1942 bis 1956 - Kriegszerstörung und Wiederaufbau

1933 wurde Deutschland zu einer Diktatur. Die Verantwortlichen der Kirchengemeinde unterstützten die Diktatur. Im 2. Weltkrieg brannte der Alte Dom bei einem Luftangriff 1942 komplett aus. Bis weit nach Kriegsende stand er als Ruine in der Stadt, sogar über einen Abriss wurde nachgedacht.

Der Architekt Karl Gruber baute die Kirche im schlichten Stil wieder auf. Im Jahr 1956 fand die Einweihung statt.