OASE 26 in Mainz - Ein Sommer, in dem die Christuskirche zum Wohnzimmer wurde

veröffentlicht 14.09.2026, Alter Dom St. Johannis

Zwei Monate lang war die Mainzer Christuskirche vieles zugleich: Wohnzimmer, Konzertsaal, Spieltreff, Tanzfläche, Yogastudio, Ort für Gespräche, Gebet und politische Debatten. Menschen spielten Brettspiele unter der Kuppel, Familien machten es sich auf Kissen gemütlich, Yoga-Matten lagen dort, wo sonst Kirchenstühle stehen. Es wurde gesungen, getanzt, diskutiert, gelacht und gefeiert. Und mittendrin fanden Gottesdienste statt.

Die OASE 26 war als Experiment gestartet: Acht Wochen lang sollte die Christuskirche zum „offenen Wohnzimmer der Stadt“ werden. Dafür wurde sie leergeräumt, Liegestühle, Sofas und eine Kaffeeecke fanden ihren Platz. Entscheidend war dabei nicht ein fertiges Programm, sondern die Einladung an Menschen aus der Nachbarschaft, den Raum mit ihren eigenen Ideen zu füllen.

Und die Resonanz war überwältigend.

„Ich merke, dass ich die Eindrücke immer noch ein bisschen verarbeite“, sagt Pfarrerin Jasmin Schönemann-Lemaire. Gemeinsam mit Dekanatskantor Arno Krokenberger, dem Referenten für Innovation Marcel Ritter und Pfarrerin Eva Lemaire hatte sie die OASE ins Leben gerufen.

Yoga und Sport in der Mittagspause, klassische Konzerte, Chöre, Salsa, Lagerfeuersingen, Gottesdienste, politische Veranstaltungen und Spielenachmittage: Die Vielfalt war groß – und zeigte, wie unterschiedlich Menschen den Kirchenraum nutzen können.

Besonders in Erinnerung geblieben ist dem Team ein Vater, der nach einem Gottesdienst mit seinem Sohn ganz selbstverständlich in die Kinderspielecke ging. Die beiden machten es sich auf einer Wiese gemütlich und schauten gemeinsam ein Bilderbuch an. „Die haben diese Kirche wirklich zu ihrem Wohnzimmer gemacht“, beschreibt Lemaire den Moment.

Wenn 150 Zelda-Fans unter der Kirchenkuppel feiern

Wie überraschend die Begegnungen sein konnten, zeigte ein „The Legend of Zelda“-Abend. Der gegenüberliegende Gaming-Store organisierte ein Konzert mit Musik aus der Videospielreihe und einen Vortrag. Rund 150 Menschen kamen, viele im Cosplay, einige sogar eigens aus Kassel angereist. „Unter der Kuppel der Christuskirche trafen Welten aufeinander, die auf den ersten Blick kaum zusammengehören: Videospielkultur und Kirchenraum, Cosplay und sakrale Architektur. Und plötzlich passte es“, sagt Ritter.

Doch es waren nicht nur die großen Veranstaltungen, die das Team bewegten. Bei einem Spielenachmittag kamen Menschen allein, als Familie, jung und alt. Sie setzten sich an einen Tisch, spielten miteinander oder fanden jemanden, mit dem sie gemeinsam spielen konnten. „Das war für mich Gemeinschaft“, erinnert sich Lemaire.

Vertrauen statt Kontrolle

Ein wesentlicher Teil des Experiments bestand darin, ein Stück der gewohnten Gestaltungshoheit abzugeben. Menschen kamen mit Ideen, die das Team teilweise noch gar nicht kannte. Es gab klare Regeln – vor allem Respekt gegenüber dem Raum und den anderen Menschen. „Wir haben den Leuten vertraut“, sagt Krokenberger rückblickend. „Und sie haben es nicht missbraucht.“ Der Kalender war schnell voll, immer wieder kamen neue Anfragen. Die OASE zeigte damit nicht nur, wie groß das Interesse an einem offenen Kirchenraum ist, sondern auch, dass Vertrauen funktionieren kann.

Die Kirche blieb Kirche

Trotz aller Veränderungen blieb die Christuskirche während der OASE ein Ort des Glaubens. Gottesdienste wurden weiterhin gefeiert – bewusst nicht als hippe Sonderveranstaltungen, sondern ganz klassisch. Ein Raum der Stille lud zu Gebet und Meditation ein.

Gleichzeitig hat die Öffnung die Gemeinde selbst verändert. Sie hat den Blick dafür geschärft, welche Barrieren kirchliche Sprache schaffen kann, wie offen Gottesdienste tatsächlich sind und was es bedeutet, Menschen willkommen zu heißen, die nicht mit den gewohnten Abläufen vertraut sind.

„Die Öffnung verändert nicht nur die Menschen, die von außen hereinkommen. Sie verändert auch diejenigen, die schon da sind“, sagt Schönemann-Lemaire. Für sie liegt darin auch die theologische Bedeutung des Projekts: „Wir öffnen die Christuskirche nicht, obwohl sie heilig ist, sondern weil sie heilig ist.“ Ein Raum, der der Gemeinde heilig und wertvoll ist, soll nicht nur einer kleinen Gruppe gehören. Wenn Kirche für Menschenwürde, Nächstenliebe und Gemeinschaft steht, sollen diese Werte auch nach außen wirken. So wurde die OASE zu einem Ort der Begegnung – offen für unterschiedliche Menschen, Interessen und Meinungen, verbunden durch einen gemeinsamen Anspruch an Respekt und ein gutes Miteinander.

Was bleibt?

Die OASE 26 ist vorbei – aber ihre Wirkung bleibt. Der Raum der Stille soll erhalten bleiben, ebenso der Spielenachmittag. Erste Initiativen haben bereits Interesse an weiteren Veranstaltungen signalisiert, zahlreiche Anfragen konnten für dieses Jahr gar nicht mehr berücksichtigt werden. Und die Idee soll weiterleben: Eine Wiederholung der OASE ist für 2027 fest geplant.