Ihr Weg nach Mainz
Sie sind seit Oktober Kurator am Alten Dom in Mainz. Welche Stationen Ihres beruflichen Werdegangs haben Sie besonders geprägt – und was hat Sie letztlich an diesen besonderen Ort geführt?
Marco Veronesi: Also, von Haus aus bin ich ja Mediävist, und lange Jahre habe ich ja an der ehrwürdigen Universität zu Tübingen das Mittelalter erforscht und gelehrt. Dann habe ich zwei große Landesausstellungen kuratiert, einmal in Bayern, einmal in Baden-Württemberg, in zwei Häusern, die ganz unterschiedlich arbeiten und funktionieren, aus denen ich auch unterschiedliches mitgenommen habe. Das Mittelalter und die Wissenschaft, das bleibt natürlich tief drin, aber entscheidend waren in den letzten Jahren natürlich andere Dinge.
Ein Ort mit Geschichte
Der Alte Dom ist ein geschichtsträchtiger und spiritueller Raum. Was hat Sie persönlich an dieser Aufgabe gereizt, und welche Bedeutung hat dieser Ort inzwischen für Sie?
Marco Veronesi: Als ich die Ausschreibung für die Kuratierung gesehen habe, dachte ich: Wow, das ist spannend, hier kann wirklich etwas Außergewöhnliches entstehen. Natürlich steckt viel Mittelalter im Alten Dom, und diese Geschichte in ihren ganzen Facetten zu vermitteln und dabei auch neue Perspektiven zu entwickeln, das wäre für einen Mediävisten ja schon spannend genug. Beim Alten Dom geht es aber um mehr, nämlich darum, diesen liturgisch-historischen Raum weiter zu öffnen, inhaltlich, aber auch mit Blick auf Formen und Formate, in denen hier etwas geschieht. Dabei ist es wichtig, Entwicklungen zu skizzieren und Prozesse zu definieren, Partner zu finden, Menschen zusammenzubringen, partizipative Formate zu begleiten. Und alles dreht sich natürlich um diesen einen Raum, den Alten Dom – im baulichen wie im sozialen Sinn.
Ihr Auftrag als Kurator
Sie sollen in den nächsten zwei Jahren ein Konzept für die Nutzung des Alten Doms weiterentwickeln: Wie würden Sie Ihre Rolle und Ihre zentralen Aufgaben am Alten Dom beschreiben?
Marco Veronesi: Vordergründig ist die Aufgabe ja klar: Am Ende soll ein realistisches, alltagstaugliches und nachhaltiges Nutzungs- und Vermittlungskonzept für den Alten Dom stehen. Die Herausforderung besteht darin, die verschiedenen Elemente, die der Alte Dom schon jetzt beherbergt und in Zukunft, in sich stetig wandelnder Form und Zusammensetzung, beherbergen soll, zu einem großen Ganzen zu verbinden. Es wäre schön wenn es gelänge, dass der Alte Dom irgendwann mehr ist als die Summe seiner Teile. Wollte ich etwas verkaufen, müsste ich jetzt von der ,experience' sprechen, die ein Besuch im Alten Dom bieten soll – und natürlich wird der Alte Dom Raum bieten für spirituelle und immersive Erfahrung. Man sollte dabei allerdings nicht Bedürfnisse bedienen, die mit dem Selbstverständnis der Evangelischen Kirche schwer vereinbar wären. Für eine fortschreitende ,Eventisierung' vor allem des Freizeitverhaltens, verbunden mit einer oft forcierten und eingeforderten Emotionalisierung, ist der Alte Dom nicht der richtige Ort.
Ihre Ideen und Visionen
Welche Impulse möchten Sie als neuer Kurator setzen? Gibt es bestimmte Projekte, Themen oder Formate, die Sie in Zukunft besonders gerne am Alten Dom verwirklichen würden?
Marco Veronesi: Da sind wir wirklich noch sehr in der Findungsphase. Natürlich geht es darum, dass der Alte Dom, wenn wir ihn als kirchlichen und sozialen Interaktionsraum betrachten, irgendwie ,wirksam' ist. Und dann gibt es Themen von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung, wo eine kirchliche Perspektive eher notwendig und vielleicht weiterführend ist als bei anderen Themen. Im Moment könnte KI ein solches Thema sein. In welchen Formaten ein solches Thema im Alten Dom aufgegriffen werden kann – da brauchen wir noch ein bißchen.
Zwischen Tradition und Gegenwart
Die Arbeit an einem historischen Ort bringt besondere Herausforderungen mit sich. Wo sehen Sie aktuell die wichtigsten Aufgaben oder Spannungsfelder in Ihrer neuen Rolle?
Marco Veronesi: Also der historischer Ort ist ja im Moment ganz gut erschlossen, auch wenn es bisweilen etwas mühsam ist Veranstaltungen durchzuführen. Hier besteht meine Aufgabe darin, Nutzungsszenarien zu entwerfen, die nicht nur mit den denkmalpflegerischen Vorgaben im engeren Sinn vereinbar sind, sondern auch mit einer Ästhetik des Raums, verstanden als historische, liturgisch-religiöse, künstlerische und soziale Raumempfindung. Der Alte Dom ist nicht nur ein sehr besonderes Kulturdenkmal. Er soll, daran arbeiten wir, Inhalte, Formate und Akteure in einer Art und Weise verbinden, für die es in ganz Europa kein Vorbild gibt. Damit sind wir allerdings bei den Spannungsfeldern, die Sie angesprochen haben, denn es liegt auf der Hand, dass die kirchlich-gemeindlichen Strukturen, zumal in Zeiten schwindender Mitgliederzahlen und damit auch finanzieller Mittel, dafür nicht geschaffen sind. Dies ist etwas, das wir im Blick haben müssen.
Ankommen in Mainz – auch privat
Wie haben Sie Mainz bisher erlebt? Gibt es Orte oder Begegnungen, die Sie schon besonders beeindruckt haben? Und ganz persönlich: Wie sieht für Sie ein perfekter freier Tag aus?
Marco Veronesi: Die erste Frage ist natürlich schwer zu beantworten, wenn man am Alten Dom arbeitet. Aber wenn man aus der schwäbischen Provinz kommt, ist das Mainzer Marktfrühstück schon eine ganz neue Erfahrung! Ein perfekter Tag? Sonne, Rennrad, und ein Abend mit meiner Frau im Garten. Recht einfach, oder?